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Spitalregion Oberaargau SRO AG, Rettungsdienst. Auf anfangs Januar ist der nächtliche Rettungsdienst der SRO AG in Huttwil aufgehoben worden; von abends 21 Uhr bis morgens 9 Uhr übernimmt das Ambulanzteam des SRO-Spitals Langenthal die Einsätze in der Region Huttwil. Obwohl viele Änderungen und zum Teil auch Einschränkungen das Gesundheitswesen erschüttert haben, steht für das Personal an der Basis das Wohl der Menschen im Vordergrund. Der «UE» war mit der Ambulanz unterwegs.
Freitagabend, 18.30 Uhr: Mit Blaulicht und Sirene verlässt die Ambulanz das Spital Langenthal. Es schneit, die Strassen sind glitschig, die Sicht schlecht. Die Nacht fängt ja gut an ... Eine knappe Stunde später ist das Team zurück; der Unfall in Lotzwil ist glimpflich abgelaufen. Um 20 Uhr verabschiedet sich die «Tagesschicht»; damit versieht das Nachtteam den Rettungsdienst bis morgens um 7 Uhr alleine, und dies in erster Priorität für immerhin 58 Gemeinden im Oberaargau und angrenzenden Emmental. Ist die Ambulanz unterwegs und ein weiterer Einsatz ist notwendig, übernimmt diesen in der Zwischenzeit je nach Standort und Kapazität das Rettungsteam aus den Spitälern Niederbipp, Solothurn, Burgdorf oder Langnau. «80 % aller Einsätze der Ambulanz geschehen zwischen 9 Uhr morgens und 21 Uhr abends», sagt Elmar Rollwage, Leiter des Rettungsdienstes SRO AG, im Gespräch mit dem «UE». Das habe die SRO AG dazu bewogen, den Rettungsdienst am SRO-Standort Huttwil auf die Tagesstunden zu beschränken. Trotzdem kostet dieser die Spitalregion Oberaargau AG jährlich mehrere Hunderttausend Franken, die nicht durch die Versicherungen oder den Kanton abgedeckt werden. Eine «Mischrechnung» ist nicht mehr möglich, denn seit im Juni 2008 in Huttwil das Akutspital und der Notfall geschlossen sind, hat das diensttuende Ambulanzteam dort nur noch beschränkte Möglichkeiten wie Schulung von Praktikantinnen und Praktikanten, Auffüllen von Medikamenten und Utensilien, Bestellungen, Checklisten, Arbeiten im Zentralmagazin, Reinigen der Ambulanzfahrzeuge, Waschen der Dienstkleider usw., um sich in flauen Zeiten zu beschäftigen. Bis zur Schliessung von Notfallaufnahme und Akutabteilung war das im damaligen Spital Huttwil anders: Da leisteten insbesondere der Rettungssanitäter oder die Rettungssanitäterin in der Notfallaufnahme und auch auf der Akutabteilung Unterstützung bei der Betreuung der Patienten.
Neue Regelung macht Sinn Niemand aus dem Team begrüsst an sich die Schliessung des nächtlichen Rettungsdienstes in Huttwil. Doch für die SRO AG wäre er unbezahlbar geworden: «Die neue Regelung macht Sinn», stellt Elmar Rollwage fest. Seit der Einführung seien nachts gerademal drei Einsätze in der Region Huttwil geleistet worden. Im Moment allerdings macht ein neues Phänomen der SRO AG zu schaffen: Im Jahr 2009 wurden vom Standort Huttwil aus 773 Einsätze durch den Rettungsdienst geleistet. Im Monat Januar waren es nur knapp 30 – also ein Rückgang von rund 50 %. «Es ist fraglich, ob dies wirklich nur ein Zufall ist, oder ob die Leute schlichtweg nicht mehr anrufen», meint der Leiter des Rettungsdienstes. Für den Ambulanzstandort Huttwil wäre das fatal: Die Berechnungen für die Erhaltung desselben basieren auf Durchschnittszahlen; würde der Rettungsdienst Huttwil über längere Zeit nur noch zur Hälfte genutzt, würde er der SRO AG finanziell noch mehr zur Last fallen. Doch ungeachtet solcher Überlegungen, und ungeachtet ob von Huttwil, Langenthal oder Niederbipp aus, stehen für die diensttuenden Teams die Patienten im Vordergrund. Kommt von der Zentrale ein D1-Notruf, heisst es innert drei Minuten mit Blaulicht und Sirene ausrücken; D2 bedeutet innerhalb von drei Minuten ausrücken, jedoch ohne Blaulicht und Sirene, bei D3 handelt es sich in der Regel um kurzfristig planbare Verlegungsfahrten oder ähnliches.
Reklamationen wegen Nachtlärm Mit Blaulicht, vor allem aber mit der Sirene, geht das Team wenn möglich zurückhaltend um: «Wir erhalten häufig Reklamationen, wenn wir nachts die Sirene betätigen mussten; das ging schon hin bis zu Droh-Mails», sagt Elmar Rollwage. Fakt seien allerdings schon die gesetzlichen Grundlagen, wusste dazu der diensthabende Ambulanzfahrer, Peter Brechbühler: Für evtl. Geschwindigkeitsüberschreitungen kann er mit dem Ambulanzfahrzeug, wie jeder Autolenker, gebüsst werden. Rast also eine Ambulanz mit übersetzter Geschwindigkeit durch die Gegend, läuft der Fahrer in Gefahr, nicht nur gebüsst zu werden, sondern auch noch den Führerschein deponieren zu müssen. Das Gesetz kennt da kein Pardon, auch nicht, wenn es ums Retten von Leben geht – ausgenommen Blaulicht und Sirene werden betätigt. «Da brauchts in jedem Fall einfach gesunden Menschenverstand», stellt Brechbühler fest. So achte das Ambulanzteam darauf, in der Nähe von Häusergruppen mindestens die Sirene einzustellen, um Nachtlärm zu vermeiden. Das Wichtigste bleibe es jedoch, Leben zu retten, «und da hoffen wir auf die Solidarität der Bevölkerung», so Elmar Rollwage. Nicht immer hat die Ambulanz in der Lebensrettung allerdings die erste Priorität. Oftmals zählt schon bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes jede Minute, und da ist es nicht selten entscheidend, wie sich die Anwesenden bei einem Notfall verhalten. Als sehr wertvoll erachtet der SRO-Anästhesiepfleger Sjaak Braams die Einsätze der First-Responder-Gruppen der Feuerwehr. In seinem Wohnort sind diese First-Responder seit längerem tätig, und Sjaak Braam kam zu einem Fall, wo durch eben die First-Responder die Reanimation bei einem Herzstillstand-Patienten bereits voll lief, als er dort eintraf. «Der Mann konnte dank der schnellen, professionellen Ersten Hilfe gerettet werden. |
Hätte bis zu meinem Eintreffen niemand helfen können, hätte er kaum eine Chance gehabt, zu überleben», so Braams.
Es geht gegen Mitternacht; alles bleibt ruhig. Elmar Rollwage, Peter Brechbühler und Sjaak Braams entscheiden, sich in einem Pikett-Zimmer zur Ruhe zu legen, ausgerüstet mit Pager, Telefon und Funk. Als «Wecker» würde der Pager dienen. Auch die Journalistin zieht sich zurück, erhält ebenfalls einen Pager, wird aber bis früh morgens nur einmal von der Schneeräumequipe aus dem Schlaf gerissen, welche den grossen Parkplatz vor dem Spital säubert. Nur Sjaak Braams, der ja mit dem eigenen Notfalleinsatzfahrzeug (NEF) fährt und die Ambulanz nur begleitet, wenn er speziell dazu aufgeboten wird, musste kurz nach Mitternacht nach Oensingen ausrücken. Dort hatte er traurige Arbeit zu erledigen, weil er dort nur noch den Tod eines Patienten feststellen konnte. Die vierte Nacht in Folge bleibt die Ambulanz in der Garage, trotz misslichen Strassenverhältnissen.
Samstagabend: Wieder schneit es, wieder sind die Strassen zum Teil spiegelglatt. Gegen 21 Uhr wird das Rettungsteam, diesmal mit Paul Wüthrich als Rettungssanitäter und Walter Pfister als Fahrer, zu einer älteren Frau aufgeboten, die gestürzt ist. Sie liegt im Bett, hat überaus schwere Glieder und offenbar mit dem Wasserabbau im Körper ein Problem. Die Tochter, die nicht in der Region wohnt, möchte die Mutter nicht mehr unbeaufsichtigt in der Wohnung lassen. Paul Wüthrich entscheidet, die Patientin ins Spital mitzunehmen, ohne sie medizinisch zu behandeln – der Sturz hatte keine Folgen, und auch sonst scheint keine dringende Behandlung angezeigt. Im Tragstuhl wird die Frau zur Trage befördert und dann sorgsam zur Abklärung ins Spital Langenthal und, mit dem Rapport, den persönlichen Medikamenten und Utensilien, auf die Notfallstation gebracht. Es bleibt still, und wie in der Nacht zuvor legt sich die ganze Crew zur Ruhe. Um 1.30 Uhr piept der Pager. D2, ein Patient in der Region Herzogenbuchsee mit «verschlechtertem Allgemeinzustand».
Die Journalistin, die zum zweiten Mal im Kajütenbett im Frauen-Pikettzimmer nächtigt, schiesst aus dem Schlaf auf, stösst sich zuerst den Kopf am oberen Bett (kein Problem, der hält nochmals), fährt in die Dienstkleider und in die Schuhe – stolz darauf, sofort hellwach zu sein. Doch so einfach geht es nicht. Die linke Hand scheint wie gelähmt; Schuhe binden ist unmöglich. Also mit offenen Schuhbändeln losgerast. Draussen im Gang tritt sie darauf, strauchelt. Mist, das hätte schief gehen können, doch jetzt ist die Hand «wach». Also Schuhe binden, weiterrennen – und sich zurechtfinden. In den vielen Gängen des SRO-Spitals erweist sich das als Kunst, wenn man nicht besser bekannt ist. Beim Fahrzeug warten Paul Wüthrich und Walter Pfister, grinsen ein bisschen. Okay, ist ja «nur» ein D2. Bei einem D1-Fall wäre die Journalistin wohl zu spät eingetroffen.
Mondanzüge Unterwegs erreicht uns die Mitteilung des Spitals, dass beim Patienten eine Resistenz gegen ein Koli-Bakterium bekannt ist; beim Umgang mit dem Mann sei vorzugehen wie bei einem Patienten mit dem Noro-Virus. Das gib Action. Das Team hat sich mit einem speziellen Schutzanzug, mit Handschuhen und Haube zu schützen. Wie die Mondmänner treffen wir beim Patienten ein. Gottlob ist es Winter; in den Schutzanzügen ist ein Luftaustausch kaum möglich. Aber das ist zweitrangig. Der Patient fühlt sich schlecht, hat fast 40 Grad Fieber und ist Diabetiker. Nach der Erstversorgung wird auch er im Tragstuhl die Treppe hinuntergeschoben, auf die Trage gebettet und dann ins SRO-Spital Niederbipp gebracht. Hier gibts für das Ambulanzteam, gemeinsam mit der Niederbipper-Crew, einen stärkenden Kaffee, dann gehts über die schneebedeckten Strassen zurück nach Langenthal – und zurück ins vertraute Kajütenbett, nachdem im Ambulanzfahrzeug alles für einen möglichen weiteren Einsatz vorbereitet ist. Es ist beinahe fünf Uhr morgens. Nebenbei erfahren wir, dass wir eine Schlägerei in einem benachbarten Dorf «verpasst» haben. Die Rettung dort hat ein Team aus dem Spital Solothurn übernommen. Eineinhalb Stunden lang ist es ruhig. Kurz vor Dienstende piept der Pager erneut. Ein Sturz, in einem Wohngebiet in einem Aussenquartier von Langenthal, wieder D2. Der Mann hatte das Bewusstsein verloren und war in der Küche gestürzt, hatte sich dabei den Kopf aufgeschlagen. Die Wunde sieht schlimmer aus, als sie offenbar ist. Der Patient allerdings fühlt sich sehr schlapp. Zum dritten Mal in dieser Nacht bereitet Walter Pfister den Tragstuhl vor, während Paul Wüthrich eine Infusion steckt. Eine gute Stunde später sind wir zurück in Langenthal, wo bereits die «Tagesschicht» den Dienst übernommen hat. Paul Wüthrich und Walter Pfister bringen im Ambulanzfahrzeug die fahrende, hoch technologisierte «Intensivstation» auf Vordermann, rapportieren kurz über die verhältnismässig ruhige Nacht und verabschieden sich, um zu Hause die verpassten Stunden Schlaf noch nachzuholen. Gemeinsam werden sie am Montagmorgen den Dienst am SRO-Ambulanzstandort Huttwil wieder aufnehmen. Waren sie früher in Huttwil eine «Familie», haben die verschiedenen Dienstorte das ganze SRO-Rettungsteam nun zu einer Grossfamilie zusammengeschweisst. Fast jeder kennt jeden, fühlt sich akzeptiert, auch diejenigen, die aus der «Prärie», aus der Region Huttwil, stammen. Es sei gut so, meinen alle Beteiligten. Sie gehen mit dem Rad der Zeit, stellen nach wie vor das Wohl der Patienten und nicht zuletzt auch ihre eigene Sicherheit in den Vordergrund und hoffen, dass die Strukturen, wie sie heute sind, möglichst lange in diesem Rahmen erhalten bleiben.
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