Das Tabu mit der Psyche!

Jeder zweite Mensch ist einmal im Leben von einer psychischen Krankheit betroffen. Trotzdem werden die Leiden tabuisiert.

Er habe sich auf ein Gespräch im kleinen Kreis eingestellt, sagte Kurt Bachmann, Chefarzt und Ressortleiter Psychiatrische Dienste der Spital Region Oberaargau (SRO). Doch es kam anders: Der Vortragssaal im Spital Langenthal war bis auf den letzten Platz besetzt.

 

Dennoch gelang es Bachmann, den Dialog mit dem Publikum aufzunehmen. Durch die offenen Bekenntnisse mehrerer Betroffener, die in ihrem Umfeld mit psychisch Erkrankten zu tun haben, entstand eine intime Atmosphäre.

 

Jeder Zweite ist betroffen

Ein Raunen ging durch den Saal, als Bachmann zeigte, dass in der Schweiz jeder Zweite einmal in seinem Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen sei. «Psychische Erkrankungen gehören zum normalen Leben», erklärte der Psychiater, «aber sie werden immer noch verdrängt und tabuisiert.» Dies führe oft dazu, dass Betroffene erst spät Hilfe suchten, was eine längere und intensivere Therapie nötig mache. Den Begriff «psychisch krank» definierte der Fachmann mit «vorübergehender eingeschränkter Fähigkeit, den Alltag selbstständig zu bewältigen». Dies treffe übrigens auch bei körperlichen Erkrankungen zu.

Psychische Erkrankungen hätten sehr viel mit den Wertvorstellungen unserer Gesellschaft zu tun. Denn oft entstünden die Krankheiten aus dem Unterdrücken oder Verdrängen von Gefühlen, die gesellschaftlich unangebracht seien. Zudem sei es immer noch verpönt, dem Leistungsdruck die eigenen Bedürfnisse entgegenzusetzen.

 

Keine fertigen Lösungen

Ein offenes Ohr für die Probleme eines Menschen haben und zuhören können, helfe bei Krisen, den Druck vom Leidenden wegzunehmen, sagte der Fachmann. «Bieten Sie aber nie fertige Lösungen an. Der Betroffene muss selbst erkennen, was er braucht und was ihm gut tut.» Äusserungen wie «das kommt schon wieder» gäben ihm das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Wenn man an Grenzen stosse, solle man eine Fachkraft aufsuchen. Denn: «Manchmal fehlt die Einsicht in die Krankheit.» «Dann können die Angehörigen bei uns Unterstützung suchen.»

 

© Berner Zeitung, 23.12.2009