Praxisübergabe Dr. med. Werner Pauli an Dr. med. Kai Dopke

Dr. Werner Pauli, Rohrbach. Vor rund fünf Jahren schrieb der Chirurg und Traumatologe, Dr. Werner Pauli, Geschichte: Im Spital Huttwil wurde in der Fusschirurgie sein erstes Implantat, die legendäre X-Platte, eingesetzt. Heute wird sie weltweit verwendet – Werner Pauli bewegt sich im In- und Ausland mit seiner Erfindung längst auf universitärem Niveau. Und er will weiter an seinen Studien arbeiten. Seine Praxis jedoch, im Gesundheitszentrum Huttwil, übergibt er auf Anfang 2010 seinem erfahrenen Nachfolger, Kai Dopke.

«Ich war nie zufrieden, wollte immer mehr, noch mehr aus der Fusschirurgie herausholen, wollte die Statik des Fusses so optimal als möglich nachkonstruieren. Jetzt habe ich das Level, das ich mir als Ziel steckte, erreicht. Und wenn man das Ziel erreicht hat, ist es Zeit, sich zurückzuziehen.» Werner Pauli sitzt am Schreibtisch in seiner Praxis im Gesundheitszentrum Huttwil, als er dies sagt.

Vor ihm liegen Röntgenbilder, seine nächste Herausforderung. Er befes­tigt diese am Negatoskop, holt blitzschnell ein Pauspapier und beginnt, das Fussskelett nachzuzeichnen. Zurück am Tisch erklärt er, wo und wie er ein Zehengelenk stabilisieren oder versteifen will, wo er von seinen legendä­ren X-Platten einzusetzen gedenkt. Mit Leib und Seele ist und war er Traumatolog, Unfall- und Fuss­chirurg. Früh schon sei es sein Wunsch gewesen, sich in der Gelenkchirurgie zu spezialisieren, sagt er im Gespräch mit dem «UE».

In Boll-Sinneringen wuchs er auf und widmete sich dann dem Medizinstudium. Nach einigen Jahren als Assis­tenzarzt arbeitete er sieben Jahre im Berner Inselspital, zwei Jahre in Neuenburg, rund eineinhalb Jahre in Visp, kehrte dann zurück nach Neuenburg. 1987 wurde er als Chefarzt an das damals völlig renovierte Spital Huttwil gewählt, wo er auch eine eigene Praxis führte. «Ich hätte es nirgends besser vorfinden können als hier. Alles war da, war modern und grosszügig eingerichtet», blickt er zurück. Später kamen als externe Aufgaben seine Tätigkeit im Nationalen Sportcenter Huttwil, in Schwarzenbach, als Sportmedizinier und Unfallchirurg dazu, und ab 2004 auch die medizinische Betreuung der Mädchen-Fussballschule der «CS Football Academy Huttwil».

Neue Geräte und Methoden
Alle seine vielen Aufgaben hinderten ihn nicht daran, das Spital Huttwil weiter zu entwickeln und mehr Spezialgeräte für schonende Operationsmethoden einzuführen, wie etwa die Artoskopie für die Knie oder die Laboroskopie, welche beispielsweise für das Entfernen von Gallenblasen eingesetzt wurden. Diese Methoden, die heute üblich sind, verkürzten die Heilungszeiten bei den Patienten erheblich, und vor allem waren die Eingriffe kaum noch schmerzhaft im Gegensatz zu früheren Operationsmethoden mit dem Skalpell, die zudem oft grosse Narben verursachten.

1994, im amerikanischen Idaho, traf der Huttwiler Chirurg erstmals mit dem Fusschirurgen Michael Coughlin zusammen, hatte auch Gelegenheit, mit diesem zusammenzuarbeiten, mit ihm nach Möglichkeiten zu forschen, wie das Skelett bei Fussoperationen besser stabilisiert werden könnte.

Als im Jahr 2000 Dr. Dominik Lüdi ins Spital Huttwil eintrat, überliess Werner Pauli ihm die Bauch- und Weichteilchirurgie und konzentrierte sich dann voll auf die Traumatologie. Er hatte vieles vor. Im Jahr 1999 hatte er mit einem Ingenieur der Firma Synthes Kontakt und bat diesen in der Folge, ihm einen Prototypen, eine Platte, zu konstruieren.

Fast zwei Jahre lang hörte er nichts mehr; da meldete sich plötzlich ein anderer Ingenieur von Synthes und tat sein Interesse kund, sich mit dem Projekt zu befassen. Die von Professor Coughlin angeregte H-Platte schien Werner Pauli noch nicht das Richtige; ein Gitter bewährte sich ebenfalls nicht.

Gemeinsam mit dem Synthes-Ingenieur Florian Beutler entschied er sich schliesslich für die x-förmige Platte, die mit vier in verschiedene Richtungen laufenden Schrauben befestigt werden konnte und bei den operierten Fussknochen die von Werner Pauli gewünschte Winkelstabilität gewährleis­tete und somit die volle postoperative Belastung. Dies erlaubt, dass beide Füsse oft gleichzeitig korrigiert werden können.

 

Die weltweit erste solche Platte wurde am 27. Oktober 2004 im Spital Huttwil eingesetzt. In den Grössen XS (für die Handchirurgie), S, M und L ist die Erfindung multifunktionell – und sie machte Furore unter den weltberühmtesten Fusschirurgen. Werner Pauli hielt Vorträge in Italien, England, Deutschland, in Tschechien und in Frankreich. In den USA nahm er aktiv an Workshops teil, stand bei Symposien zuvorderst an der Front. Heute wird seine X-Platte auf der ganzen Welt verwendet. Am 25. Oktober 2005 wurde Werner Pauli geehrt durch das «Medizinal-Cluster Bern» an der Universität Bern. Im Plädoyer hielt Professor Dr. med. Vinzenz Im Hof fest, wenn ein erprobtes Produkt durch eine weltweit tätige Firma vertrieben wird, ist der Erfolg garantiert.

 

Der Erfinder selbst gab sich allerdings noch nicht zufrieden, entwickelte unter anderem eine neue Sägemethode, mit welcher sich auch junger, kräftiger Fussknochen augenblicklich und schonend sägen lässt, um dann die Fussdeformität statisch korrekt durch die X-Platte zu fixieren. Auch diese Sägetechnik findet heute weltweiten Einsatz.

Der schönste Beruf
«Fuss- und Gelenkchirurg ist der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann – man kann etwas rekonstruieren und dabei den Menschen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen», sagt er im Gespräch mit dem «UE».


Er ist dankbar, sein geliebtes «Hobby», sprich Beruf, in die Hände eines qualifizierten, hochinteressierten Nachfolgers legen zu können. Ab 1. Januar nimmt Kai Dopke, während rund einem Jahr noch in Zusammenarbeit mit Werner Pauli, seine Tätigkeit im Gesundheitszentrum Huttwil auf.

Operieren wird Kai Dopke – wie seit der Schliessung des Akutspitals Huttwil auch Werner Pauli – im Spital Niederbipp, wenn dieses geschlossen wird, dann wohl in Langenthal. Die Mädchen-Fussballschule der «CS Football Academy Huttwil» wird weiterhin von Werner Pauli betreut.

Und dann, wenn die Operationssäle für ihn definitiv zur Vergangenheit gehören? Der «UE» fragt den 71-Jährigen nach seinen Hobbys. Das bringt ihn zum Schmunzeln. Wann hätte er wohl Zeit dazu gehabt? Statt dessen erzählt er von seiner Familie, von seinen beiden aus Kolumbien stammenden und längst erwachsenen Adoptivkindern Andreas und Viviane.

Bei den Hürdenläufen für die Adop­tion ihrer Kinder stellten Werner Pauli und seine Frau Marianne fest, mit welch grossen Schwierigkeiten ein solches Unterfangen verbunden ist, und wie alleine Adoptiveltern dastehen, wenn sie Fragen oder Probleme haben. So gründete er 1981 die «Schweizerische Vereinigung für Adoptions­hilfe», die er 19 Jahre lang präsidierte. Heute ist er Ehrenpräsident. Gegen 500 Adoptionen kamen zustande, die allermeisten erfolgreich, denn der Verein unterstützt die Adoptiveltern über Jahre, organisiert Kurse, Vorträge und Fortbildungen.

An dieser Stelle stockt das Gespräch; Werner Pauli zuckt die Achseln. «Süsch hani nid viu gmacht», meint er. Der Kommentar erübrigt sich wohl, und der Blick auf seinen übervollen Terminkalender sagt alles – von Ruhestand ist trotz Praxisübergabe noch keine Rede.
 

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